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Digitale Empathie

Von Dr. Martina Weifenbach, myndway .

Digitale Empathie – Zukunftsskill einer lernenden Organisation

Empathie ist das Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen. Es beschreibt die FĂ€higkeit, die GefĂŒhle eines anderen Menschen zu verstehen und mit MitgefĂŒhl zu reagieren. Auch in der Arbeitswelt gehört Empathie als Faktor der Emotionalen Intelligenz zu den Kernkompetenzen heutiger FĂŒhrungskrĂ€fte. Emotionale Intelligenz beschreibt dabei die FĂ€higkeit, GefĂŒhle zu erkennen und mit diesen umzugehen sowie darĂŒber hinaus die Nutzung und einen angemessenen Ausdruck von GefĂŒhlen. Menschliche Begabungen beruhen schon lange nicht mehr nur auf dem Intelligenzquotienten (IQ). Emotionale Intelligenz ĂŒbertrumpft den IQ vor allem in weichen Faktoren wie emotionale Selbstregulierung und Empathie (Goleman, 2005).

In Zeiten von Corona, Home-Office und digitalen Treffen hat unser soziales Bewusstsein es nicht immer leicht. Empathische FĂ€higkeiten werden auf die Probe gestellt, denn wie kann ich Emotionen anderer Menschen wahrnehmen und verstehen, wenn die Kommunikation ausschließlich ĂŒber Slack lĂ€uft und wir uns nur in einem eckigen Bildschirm via Zoom, MS Teams & Co. zu sehen bekommen?

Diese Form des Arbeitens erfordert neue Kompetenzen. FĂŒr Mitarbeitende ist es ein wichtiges Anliegen, dabei unterstĂŒtzt zu werden, Krisen und VerĂ€nderungen zu meistern. Laut dem Bericht des Lernportals Degreed „The State of Skills 2021“, der die globalen Auswirkungen der Pandemie untersuchte, sind 60% der 5.000 befragten Mitarbeiter*innen der Meinung, dass es im Rahmen der Pandemie erforderlich ist, neue Skills zu erlernen. 46% wĂŒrden ihren Arbeitgeber verlassen, wenn dieser nicht in die Kompetenzentwicklung investiert (Tesnjak, 2021).

Einsamkeit trotz stÀndiger Erreichbarkeit

TechnologieverĂ€nderungen schaffen tagtĂ€glich neue Möglichkeiten der Kommunikation. Es ist nicht mehr notwendig die eigenen vier WĂ€nde zu verlassen. Heute trifft man sich nicht mehr im BĂŒroflur oder geht gemeinsam in die Mittagspause zum Italiener um die Ecke, sondern man bleibt da wo man ist – vor dem Bildschirm und wechselt vom Zoom-Meeting zum Zoom-Kaffee mit der Kollegin von “nebenan”. Die Arbeit am Computer stellt in der heutigen Zeit eine Notwendigkeit dar. WĂ€hrend das „digitale Arbeiten“ viele Vorteile mit sich bringt wie FlexibilitĂ€t und die Automatisierung von Prozessen, entstehen auf der sozialen Seite einige Herausforderungen.

Wir sind jede Sekunde miteinander verbunden und im Austausch und doch fĂ€llt uns scheinbar die zwischenmenschliche Kommunikation immer schwerer. Wie können wir unseren Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen auch aus der Ferne nah sein? Soziale BedĂŒrfnisse werden nicht genĂŒgend befriedigt und die anfĂ€ngliche Euphorie darĂŒber, von zuhause aus zu arbeiten wandelt sich in GefĂŒhle der Einsamkeit.

Wie können wir also unsere Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen auf einer tieferen Ebene erreichen und in einen Austausch kommen, ohne dass es in dem tĂ€glichen Smalltalk untergeht. Insbesondere wenn wir in einer unterstĂŒtzenden Rolle arbeiten, lĂ€uft unsere EffektivitĂ€t letztlich darauf hinaus, wie gut wir unseren Kolleg*innen zuhören und uns mit ihnen verbinden. Je besser wir unsere Arbeit machen, desto besser sind unsere Mitarbeiter*innen fĂŒr ihre Arbeit gerĂŒstet.

Die Herausforderung? Empathie wird auf individueller Ebene erlernt. Es gibt hierfĂŒr kein Handbuch! Wenn wir die persönliche Verantwortung ĂŒbernehmen, um Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen besser zu verstehen, wird die Zusammenarbeit letztendlich belohnt. Die Einzelperson trĂ€gt die Verantwortung, wie sie in einem digitalen Meeting auftritt und ein GesprĂ€ch eröffnet und beendet. Es geht darum, die Arbeit am Computer und die stĂ€ndige Erreichbarkeit bewusst wahrzunehmen und den Rahmen zu gestalten, als in ihr unterzugehen.

Unternehmen tragen die Verantwortung

EinfĂŒhlungsvermögen zu lernen, kann sowohl emotional als auch mental anstrengend sein. Sich mit Problemen der Kolleg*innen zu beschĂ€ftigen, bedeutet sich persönlich in deren Leben zu investieren. Möglicherweise sieht der ein oder die andere vor allem innerhalb der FĂŒhrung im eigenen Unternehmen UnzulĂ€nglichkeiten, die ihren Tribut fordern.

Doch was passiert, wenn Unternehmen und FĂŒhrungskrĂ€fte sich nicht darauf konzentrieren, die Mitarbeiter*innen auch innerhalb dieser Kompetenzen zu fördern und auszubilden? Klar, EinfĂŒhlungsvermögen ist in erster Linie schwer zu messen. Es ist vielleicht möglich die Moral der Mitarbeiter*innen durch Umfragen einzuschĂ€tzen, aber die direkten Auswirkungen von Empathie sind schwierig nachzuvollziehen.

Insbesondere in Zeiten von Corona, in welchen die Unsicherheit ĂŒberwiegt und das Vertrauen in eigene FĂ€higkeiten schwindet wird es wichtiger fĂŒr Unternehmen ihren Mitarbeiter*innen zu helfen und das Positive in Zeiten der VerĂ€nderung aufzuzeigen. Im schlimmsten Falle richtet sich der innere Widerstand mit der neuen Situation geradewegs gegen das Unternehmen.

Relevanz der Kompetenz digitale Empathie

Die Sehnsucht nach Kontakt prĂ€gt unser Arbeitsverhalten in vielerlei Hinsicht. Es fehlt der lockere, spontane Kontakt im BĂŒro, der Abwechslung verspricht und auch die Art von Austausch und Resonanz, die nicht unbedingt Worte oder ĂŒberzogene Gestik benötigt, wie wir es aus einem digitalen Meeting kennen.

Das distanzierte Verhalten steht kontrĂ€r zu der eigentlich wachsenden Werteorientierung in unserer Gesellschaft. Das hat nicht nur eine Auswirkung auf unsere Kommunikation untereinander, sondern viel mehr eine Auswirkung auf uns selbst. Der Stress nimmt zu und es wird immer schwieriger Arbeit und Privates auseinander zu halten. Viele Menschen wissen nicht, wie sie Grenzen ziehen oder sich erlauben dĂŒrfen, auch einfach mal nicht erreichbar zu sein. Im Zuge der Corona-Pandemie sind die Zahlen fĂŒr Überstunden und fĂŒr Burn-Out-Betroffene klar angestiegen (Limeade, o.D).

Was also benötigen Mitarbeiter*innen und FĂŒhrungskrĂ€fte, um im digitalen Arbeiten achtsam mit sich selbst zu sein, Abstand zu gewinnen, wenn dies nötig ist und echten Austausch zu unterstĂŒtzen, anstelle von schnelllebigen oberflĂ€chlichen Meetings? Wie können sich Mitarbeiter*innen auch digital untereinander helfen und VerstĂ€ndnis fĂŒreinander aufbringen? Welche Tools gibt es?

DAS TEAM

Zoom-Erschöpfung

Viele und lange Videokonferenzen laugen aus und fĂŒhren zu Erschöpfung. Den ganzen Tag gucken wir auf unseren Bildschirm, die Augen werden mĂŒde und wir schauen in die vielen Gesichter, die genauso zurĂŒckschauen in unsere Richtung. Dieser nahe unnatĂŒrliche Kontakt fĂŒttert unsere soziale Angst. In einem Video-Meeting haben wir kontinuierlich Augenkontakt und fĂŒhlen uns dementsprechend von mehreren Menschen gleichzeitig beobachtet. Zudem sind die Gesichter auf dem Bildschirm ĂŒberdimensional  groß dargestellt. Das ist ein klar unnatĂŒrliches Verhalten und verlangt wesentlich mehr ab, als den meisten bewusst ist. Auch unsere Gesten mĂŒssen wir fĂŒr die Kamera wesentlich grĂ¶ĂŸer gestalten als in einem nicht digitalen Umfeld. Das erfordert von unserem Gehirn einen erhöhten, kognitiven Energieaufwand.

TIPP

  • Schalte die “Selbstansicht” aus und minimiere Deinen Bildschirm bei wenigen Teilnehmern.
  • Schafft ein Bewusstsein in Eurem Team, dass es in Ordnung ist, wenn man in einem Video-Meeting auch mal die Kamera ausschaltet.
  • VerstĂ€ndigt Euch auf allgemein verstĂ€ndliche Gesten wie “Daumen hoch” fĂŒr Zustimmung.

Slack-Erschöpfung

Auch Slack und andere Chat-Tools konfrontieren uns mit einer hohen Anzahl an Informationen. Wir nutzen mehrere Channels gleichzeitig, in denen es zudem zu Wiederholungen von Anmerkungen und Fragen kommt.

TIPP

  • VerstĂ€ndigt Euch im Team auf einen Kommunikationskanal fĂŒr “xyz” und auch darauf, wie ihr diesen nutzen wollt.
  • Schafft einen moderaten Rahmen fĂŒr Kommentare, um einen Überfluss an Informationen zu vermeiden.
  • Es ist ok, fĂŒr Fokuszeiten offline zu gehen!

Achtsamkeit im Videocall

Viele Meetings besitzen bereits eine feste Struktur mit einer oder zwei verantwortlichen Personen, die das Meeting moderieren. Viele Zuhörer geraten hier in eine passive Haltung, worunter das Miteinander im digitalen Raum leidet. Jeder Einzelne kann hier dazu beitragen, die AtmosphÀre im Raum mitzugestalten.

TIPP

  • Der achtsame Check In: Startet Eure Videocalls achtsam: Teilt in der Runde, wie es Euch heute geht.
  • LĂ€cheln: Versucht Videokonferenzen mit einem LĂ€cheln zu beginnen und zu beenden und teilt so positive Energie.
  • Bewegung: Findet einen “Energiemanager”, der bzw. die in langen Onlinemeetings nach mindestens 40 Minuten zu aktiven Pausen einlĂ€dt.

Echte Verbindung auch in der digitalen Welt

FĂŒr eine vertrauensvolle und erfolgreiche Unternehmenskultur ist digitale Empathie die Basis. Lernende Organisation sind dazu aufgefordert ihr VerstĂ€ndnis fĂŒr neue FĂ€higkeiten auszubauen und in diese zu investieren, denn auch in Zukunft werden sich Arbeitsformate im digitalen Raum weiter entwickeln und PrĂ€senz Veranstaltungen ablösen.

Damit wir auch im digitalen Raum in Zukunft echte Verbindungen schaffen und in unserem Austausch nichts verloren geht, können wir nur gemeinsam eine achtsame Kultur prÀgen, die folgende Punkte innehÀlt:

  • Geduld im digitalen Raum
  • VerstĂ€ndnis fĂŒr Mensch und Technik
  • Echter Austausch ĂŒber Dich und Mich
  • KreativitĂ€t im gemeinsamen Arbeiten
  • Growth Culture > Performance Culture

Quellen:

Goleman, D. (2005). Emotional Intelligence: 10th Anniversary Edition. Bantam Dell.

Limeade: New Limeade Study Reveals Troubling Impact of COVID-19 on the Employee Experience, unter: https://www.limeade.com/en/releases/new-limeade-study-reveals-troubling-impact-of-covid-19-on-the-employee-experience/?utm_source=Iterable&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter-20210429

Stanford News (2021): Stanford researchers identify four causes for ‘Zoom fatigue’ and their simple fixes, unter: https://news.stanford.edu/2021/02/23/four-causes-zoom-fatigue-solutions/?utm_source=Iterable&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter-20210429

Tesnjak, Dan (2021): Wie mangelnde Mitarbeiter-Skills den Unternehmenserfolg gefÀhrden. Auf Persoblogger unter: https://persoblogger.de/2021/03/01/wie-mangelnde-mitarbeiter-skills-den-unternehmenserfolg-gefaehrden

Autorin
Dr. Martina Weifenbach ist Vorreiterin in der VerknĂŒpfung von Digitaler Innovation, New Work und Achtsamkeit. Sie ist Autorin von “Achtsamkeit und Innovation in integrierten Organisationen”, Executive Coach und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin von myndway. In ihrer aktuellen Forschung betrachtet sie Achtsamkeit aus neurowissenschaftlicher und organisationaler Perspektive. Als international ausgebildete Yoga- und Achtsamkeitslehrerin bringt sie heute fĂŒhrend ihre digitale Expertise mit zugĂ€nglichen Lernformaten fĂŒr Mitarbeiter*innen, Teams und FĂŒhrungskrĂ€fte rund um Achtsamkeit, agiles Arbeiten und eine nachhaltige Digitalisierung zusammen.